Geschichte erleben, Gemeinschaft feiern
Zwischen Moor, Kanal und Gemeinschaft - Adorf feiert sein 250. Jubiläum mit vielen Highlights
Zwischen Moor, Kanal und Gemeinschaft - Adorf feiert sein 250. Jubiläum mit vielen Highlights
Doch bei einem Gespräch mit den Menschen wird schnell klar, dass dieses Dorf eine größere Geschichte erzählt. Sie handelt von Armut und Aufbruch, von Moorwegen und Kanälen, von Kirche, Vereinen und Familien, die geblieben sind. Vor allem handelt sie von einer Dorfgemeinschaft, die bis heute zusammenhält.
Vom 27. bis zum 30. August 2026 feiert Adorf sein 250-jähriges Jubiläum mit einem großen Fest unter dem Motto „Geschichte erleben, Gemeinschaft feiern.“
„Ich mag diese Gegend sehr“, sagt der 20-jährige Janis Anbergen. Er ist in Adorf aufgewachsen und absolviert derzeit ein Praktikum im Einzelhandel. Für ihn ist Adorf Heimat. Hier kennen sich alle, trifft sich und fährt mit Freunden los. Janis fühlt sich hier wohl, denn dass „jeder jeden kennt“ macht für ihn den Reiz aus. Die Jugendlichen in Adorf bilden nur eine kleine Gruppe. Es sind etwa acht junge Leute im Alter zwischen 17 und 20 Jahren. Obwohl mittlerweile sich die Clique verändert und Schule, Ausbildung oder Studium die jungen Leute auseinanderführt, will Janis Anbergen dennoch bleiben. Er verbindet mit dem Ort Vertrautheit.
Wer verstehen will, warum die Menschen in Adorf so stark auf Gemeinschaft setzen, muss in die Geschichte schauen. Der 35-jährige Matthias Bollmer stammt selbst aus Adorf, hat Geschichte und Kunstgeschichte studiert und arbeitet heute im Kulturbereich des Landkreis Grafschaft Bentheim. Er beschäftigt sich seit Jahren mit regionaler Geschichte und arbeitet derzeit an der Chronik über Adorf.
Früher war Adorf eine arme Moorkolonie. Die ersten Menschen zogen aus Not ins Moor und bauten sich dort mühsam eine Existenz auf. Sie mussten dem kargen Boden etwas abringen, um leben zu können. Die Kolonie entstand 1775, doch der Süd-Nord-Kanal wurde erst 1892 fertiggestellt. Dieser Abstand von mehr als hundert Jahren prägte die Entwicklung entscheidend. Ohne Kanal konnten die Siedler Torf und andere Waren kaum transportieren. Sie schleppten vieles über unwegsame Moorwege. Erst mit dem Kanal verbesserte sich die Lage. Flache Kähne transportierten Torf und Waren. Pferde oder Menschen zogen die Boote am Rand des Kanals entlang. Der Kanal brachte Bewegung in den Ort, erschloss ihn wirtschaftlich und verband ihn stärker mit der Umgebung. Heute dient er vor allem der Entwässerung, doch in der Geschichte Adorfs bleibt er eine Lebensader.
Darüber hinaus liegt Adorf an einer historischen Nahtstelle. Bis in die 1970er Jahre gehörte der Ort zur Grafschaft Bentheim, später kam er zum Landkreis Emsland. Diese Grenzlage zeigt sich bis heute. In Adorf leben katholische und evangelisch-reformierte Familien seit Generationen nebeneinander. Auch sprachlich hat sich diese Mischung erhalten, denn in Adorf gibt es sowohl das Grafschafter Platt als auch das Emsländer Platt.
Der Heimatforscher Horst Heinrich Bechtluft hat sich über Jahrzehnte mit der Geschichte der Gemeinde Twist und auch mit Adorf beschäftigt. Ihn faszinierte besonders, dass Adorf aus hannoverscher Perspektive gegründet wurde. Während viele emsländische Orte stark von der Münsteraner Geschichte geprägt wurden, führt Adorfs Ursprung in die Grafschaft Bentheim und damit in eine andere Tradition. Der 82-jährige Bechtluft sammelte Fotos, Dokumente und Erinnerungen und begleitete 1980 den Schützenverein Adorf mit einer Chronik zum 60-jährigen Bestehen.
Bernhard Hake hingegen kennt Adorf aus familiärer und politischer Nähe. Er wurde 1960 in Nordhorn geboren, wuchs aber auf dem elterlichen Hof Hake in Adorf auf. Sein Großvater und sein Vater waren Bürgermeister des Dorfes. Für Hake war deshalb das Rathaus gewissermaßen zu Hause, denn wer etwas wollte, kam zum Hof.
Nach dem Zweiten Weltkrieg lag Adorf am Boden. Es gab kaum befestigte Wege, die Moorflächen waren schwer zu bewirtschaften, viele Männer waren gefallen oder kehrten erst spät zurück. Landwirtschaft bestimmte den Alltag, andere Erwerbsmöglichkeiten waren rar. Hake erinnert sich an Erzählungen aus dieser Zeit. So mussten die Menschen anpacken, Höfe wieder aufbauen und ihre Flächen nutzbar machen.
Der Emslandplan wurde zu einem Wendepunkt. Adorf profitierte von Straßenbau, Entwässerung, Kultivierung und Investitionen. Ein Wasser- und Bodenverband übernahm dabei eine zentrale Rolle. Mit Krediten und Fördermitteln entstanden einige Straßen, Flächen wurden tiefgepflügt, entwässert und besser nutzbar gemacht. Die Aa, die für Adorf wichtige Wasserader, wurde begradigt. So schufen die Menschen die Grundlage dafür, dass Landwirte wirtschaftlicher arbeiten konnten.
Auch die katholische Kirche steht für diesen Aufbauwillen. Während der Sperrgebietszeit nach dem Krieg konnten viele Katholiken nicht wie gewohnt nach Twist-Bült zur Kirche. Da stellte die Gaststätte Ahrens für Gottesdienste ihren Tanzsaal zur Verfügung. Später wollten die Menschen eine eigene Kirche haben und so sammelten sie Spenden, leisteten Eigenarbeit und baute 1950 die Adorfer Kirche St. Marien. Viele Männer arbeiteten damals in der Torf- oder Erdölindustrie und halfen nach der Schicht auf der Baustelle.
Bis heute gehört auch das Vereinsleben zu Adorf. Der Schützenverein entstand 1920 und ist eng mit der Ortsgeschichte verbunden. Bechtluft erinnert sich dazu an eine besondere Episode. Weil der Landrat im Kreis Meppen ein Schützenfest in Twist untersagte, wichen die Beteiligten über die Kreisgrenze nach Adorf aus. Dort gehörten sie zur Grafschaft Bentheim und konnten in Adorf Schützenfest feiern. „So können die Adorfer mit einem gewissem Recht sagen, dass sie der älteste Schützenverein sind, weil das erste Schützenfest bei ihnen gefeiert wurde“, sagt Bechtluft schmunzelnd.
Auch der Sport prägt das Dorf. Schon 1948 gründete sich Concordia Adorf, ein Verein, der sich jedoch nicht dauerhaft halten konnte. 1984 gründeten die Adorfer erneut einen Sportverein. Der heutige SC Adorf bietet unter anderem Fußball, Darts, Piloxing und Frauenturnen an. Bernhard Hake selbst war Gründungsmitglied und sein Sohn Dirk ist der heutige 1. Vorsitzende.
Für Hake zeigt sich daran, was ein kleines Dorf braucht: Menschen, die Verantwortung übernehmen. „Man muss anpacken“, sagt er. Ohne Idealismus funktioniere Dorfgemeinschaft nicht. Diese Haltung zieht sich durch die Geschichte Adorfs. Aus kargen Moorflächen entstand ein lebendiger Ort, weil Generationen bereit waren, mehr zu leisten als andere.
Ein alter Spruch beschreibt diese Entwicklung besonders eindrücklich: „Dem Ersten den Tod, dem Zweiten die Not und dem Dritten das Brot“. Hake hörte diesen Spruch schon als Kind. Die ersten Siedler kämpften ums Überleben, die nächste Generation trug die Not weiter, und erst die dritte Generation konnte von den Grundlagen leben, die vorher geschaffen wurden. Für Hake steckt darin die Erfahrung eines ganzen Dorfes.
Heute steht Adorf besser da als früher, doch die Haltung ist geblieben. Viele Menschen im Ort empfinden, dass ihnen wenig zufällt. „Adorf muss oft eine Schüppe mehr drauflegen, um auf das gleiche Niveau wie andere Orte zu kommen“, erklärt Hake. Gerade diese Erfahrung habe die Menschen auch geprägt.
Gleichzeitig besitzt Adorf allerdings auch Standortvorteile. Nordhorn, Lingen und Meppen liegen jeweils etwa 20 Kilometer entfernt. Wer einkaufen, Kultur erleben oder arbeiten möchte, erreicht mehrere Städte in überschaubarer Entfernung. Für ein kleines Dorf ist das auf jeden Fall ein großes Plus. Dennoch bleibt auch hier die Frage, wie Adorf sich verbessert und für junge Menschen attraktiv bleibt.
Doch am Jubliäumswochenende vom 27. bis zum 30. August 2026 feiert Adorf seine Geschichte, seinen Charakter und seine Gemeinschaft. Los geht es am 27. August mit einem Kommersabend im Festzelt. Am 28. August schießen die bisherigen Schützenkönige den Adorfer Kaiser aus. Das Kaiserschießen beginnt um 17 Uhr, sodass die Proklamation des Kaisers gegen 20 Uhr erfolgt mit anschließendem Krönungsball. Am 29. August ist ab 15 Uhr ein Seniorennachmittag geplant. Um 18 Uhr erfolgt ein ökumenischer Gottesdienst und anschließend wird im Festzelt mit einer Band fröhlich gefeiert. Am 30. August ist um 11 Uhr das Treffen zur Spalierfahrt angedacht, die ab 11:30 Uhr startet. Ab 13 Uhr wird nicht nur für das leibliche Wohl gesorgt, sondern die Vereine, Verbände, Vereinigungen und Schulen präsentieren sich auf dem Festplatz. Ab 14:30 Uhr gibt es sodann Kaffee und Kuchen und anschließend klingt das Jubiläumswochenende gemütlich aus.
An diesem besonderen Wochenende anlässlich des 250-jährigen Jubiläum zeigt sich Adorf aus verschiedenen Perspektiven. So entsteht das vielschichtige Bild eines Dorfes, das sich behaupten musste, erst im Moor, später zwischen Landkreisen, Konfessionen und wirtschaftlichen Veränderungen. Seine Stärke liegt nicht in Größe oder Ausstattung, sondern in der Bereitschaft seiner Menchen, Verantwortung zu übernehmen. Genau deshalb ist Adorf heute mehr als ein kleiner Ortsteil von Twist. Es ist ein Dorf mit eigener Geschichte, eigenem Charakter und einer Gemeinschaft, die gelernt hat, gemeinsam weiterzugehen.
Moor & mehr – Geschichten aus den Naturparken
Naturparke in der Ferienregion feiern Jubiläum
In Kooperation mit dem Emsland-Kurier feiern wir in diesem Jahr die Jubiläen “20 Jahre Naturpark Bourtanger Moor” und “10 Jahre Naturpark Hümmling” mit Geschichten über die eindrucksvolle Kulturlandschaft, prägnante und ungewöhnliche Sehenswürdigkeiten und ehrenamtliches Engagement mit viel Heimatgefühl.
Die Beiträge werden im Emsland-Kurier veröffentlicht und sind im Emsland-Blog "Moor & mehr“ auf unserer "Geburtstagsseite"zum Themenjahr nachzulesen.








