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  • 23.08.2026

Haren (EL) -  Dass die Deutsche Dendrologische Gesellschaft (DDG) ihre diesjährige Jahrestagung auch ins Tinner Loh führte, überrascht nicht. Kaum eine andere Waldlandschaft im Nordwesten Deutschlands vereint auf so engem Raum eine vergleichbare Vielfalt an Gehölzen und Waldgeschichte. Rund 90 Baumexperten machten Station im Naturpark Hümmling.

Seit 134 Jahren widmet sich die DDG der Erforschung, Dokumentation und dem Erhalt von Gehölzen. Rund 1.300 Mitglieder zählt der Verein heute – Tendenz steigend, berichtet DDG-Präsident Eike Jablonski. Die Gemeinschaft vereint Menschen unterschiedlichster Generationen und Berufe: Landschaftsarchitekten, Förster, Wissenschaftler, Professoren und leidenschaftliche Baumfreunde zwischen 25 und 92 Jahren treffen sich zweimal jährlich zu gemeinsamen Exkursionen – häufig auch im europäischen Ausland. Eine Regionalgruppe im Emsland gehört zur Gesellschaft.

Für die Führung durch das Tinner Loh übernahmen Biologin und Naturführerin Jutta Over, Dr. Gerhard Over sowie Naturpark-Ranger Andreas Rakers die Leitung. Die ersten Schritte führen entlang von Nadelholzpflanzungen. Die ersten Nadelbäume wurden hier 1790 angebaut. Kiefern, Fichten und Japanlärchen prägen das Bild, dazwischen wachsen Traubenkirschen, die einst bewusst angepflanzt wurden, um der sauren Kiefernstreu entgegenzuwirken. Und weil Naturführungen durchaus auch kulinarisch sein dürfen, verrät Jutta Over gleich ein kleines Geheimnis: Aus den Früchten der Traubenkirsche lasse sich ein hervorragender „Aufgesetzter“ herstellen – geschmacklich irgendwo zwischen Eckes Edelkirsch und Amaretto. Anschließend richtet sich der Blick auf die durchgewachsenen Eichen des sogenannten Krattwaldes. Ihre oft bizarren Wuchsformen erzählen von einer jahrhundertelangen Nutzungsgeschichte. Einige der knorrigen Bäume stehen auf kleinen Flugsanddünen und wirken beinahe wie lebende Skulpturen.

Am Eingang des Naturschutzgebietes begrüßt eine mächtige Buche die Besucher. War das eine Hutebuche, die mit ihren Bucheckern der Schweinemast diente, oder wurde sie zur Laubheugewinnung geschneitelt? Die Fachleute diskutieren. Wenig später taucht die Gruppe in den märchenhaften Wald ein. Die gewaltigen Buchen mit ihren weit ausladenden Kronen schaffen eine fast verwunschene Atmosphäre. Zwischen ihnen wächst Adlerfarn, dessen tief reichendes Wurzelwerk selbst Waldbrände überstehen kann. Immer wieder bleibt die Gruppe stehen. Im feuchten Totholz entdecken die Fachleute einen leuchtend orangefarbenen Schwefelporling. Pilze und Moose gedeihen hier unter den schattigen Kronen besonders gut.

Auf der Westseite des Naturschutzgebietes steht die Gruppe vor einem breiten, langgestreckten Graben, dem alten Bett des nie vollendeten Seitenkanals Gleesen-Papenburg.  Jutta Over erzählt von den ehrgeizigen Planungen und ihrem abrupten Ende. Heute hat sich die Natur das Bauwerk längst zurückerobert. Zauneidechsen, Teichmolche und sogar manchmal Ringelnattern finden hier ebenso Lebensraum wie zahlreiche Insekten und Amphibien.

Dass eine Exkursion mit Dendrologen weit mehr ist als trockene Artenkunde, zeigen die Geschichten am Wegesrand. Vor einer Stechpalme überrascht Jutta Over mit einer kleinen Sprachreise nach Kalifornien: „Hollywood  ist der englische Name der Stechpalme.“ Der berühmte gleichnamige Ort in den USA leite sich  von einem Stechpalmenwald ab, der dort früher vorhanden war. Ein kurzer Moment, der viele Teilnehmende schmunzeln lässt und zeigt, wie eng Natur- und Kulturgeschichte miteinander verbunden sind.

Zwischen den Erläuterungen bleibt genügend Zeit für Fachgespräche, Fotografien und staunende Blicke nach oben.
Hier greift Ranger Andreas Rakers eine alte keltische Überlieferung auf. Zeigt ein Stamm eine natürliche Öffnung, weil er sich gabelt und später wieder zusammenwächst, sprechen manche von einem Feen- oder Elfentor. Nach altem Glauben wurden Neugeborene durch ein solches Tor gereicht, um aus der Feenwelt endgültig in die Menschenwelt zu gelangen. Eine Geschichte, die wunderbar zur märchenhaften Stimmung des Waldes passt.

Beeindruckt zeigen sich viele Gäste von der außergewöhnlichen Baumvielfalt im Tinner Loh. Neben den charakteristischen Buchen und Eichen wachsen hier unter anderem Moorbirken, Douglasien und Sitkafichten. Ein Teilnehmer bringt es auf den Punkt: Gerade diese Vielfalt mache den besonderen Reiz des Gebietes aus.

Fast verwunschen wirkt auch der Wildschweinteich. Umgestürzte Äste ragen ins Wasser, das Licht fällt nur gedämpft durch die Baumkronen. Es ist einer dieser Orte, an denen man unwillkürlich stehen bleibt und die besondere Ruhe des Waldes auf sich wirken lässt.

Auf dem Rückweg entlang des alten Kanalbetts greift Jutta Over noch einmal den Vortrag von Professor  Bouillon auf, der am Vormittag über eine „Willkommenskultur“ für eingeführte Pflanzen gesprochen hatte. Vor einer kerzengeraden Douglasie erzählt sie von deren nordamerikanischer Heimat an der Pazifikküste und von „Duftenden Douglasien“ – eine Geschichte, die zeigt, dass auch eingeführte Baumarten spannende Kapitel der Waldgeschichte schreiben können.

Nach gut zwei Stunden endet eine Exkursion, die weit mehr war als ein botanischer Rundgang. Sie machte deutlich, warum das Tinner Loh unter Fachleuten einen hervorragenden Ruf genießt: Hier lassen sich Waldgeschichte, Artenvielfalt und ökologische Zusammenhänge auf engstem Raum erleben. Für die Mitglieder der DDG war es ein Höhepunkt ihrer Jahrestagung – und für den Naturpark Hümmling eine schöne Bestätigung, welch außergewöhnliche Naturräume direkt vor der Haustür liegen.

Wer das Tinner Loh selbst entdecken möchte, kann dies auf dem gleichnamigen Hümmling-Pfad tun. Der abwechslungsreiche Wanderweg führt mitten durch diese besondere Waldlandschaft. Vielleicht schaut man nach dieser Geschichte beim nächsten Spaziergang etwas genauer hin – auf die knorrigen Eichen, die mächtigen Buchen, einen leuchtenden Pilz am Wegesrand oder auf ein kleines Elfentor im Geäst. Denn manchmal braucht es nur einen neuen Blick, um einen Wald ganz neu zu entdecken.


Naturparke in der Ferienregion feiern Jubiläum 

In Kooperation mit dem Emsland-Kurier feiern wir in diesem Jahr die Jubiläen “20 Jahre Naturpark Bourtanger Moor” und “10 Jahre Naturpark Hümmling” mit Geschichten über die eindrucksvolle Kulturlandschaft, prägnante und ungewöhnliche Sehenswürdigkeiten und ehrenamtliches Engagement mit viel Heimatgefühl.
 
Die Beiträge werden im Emsland-Kurier veröffentlicht und sind im Emsland-Blog "Moor & mehr“ auf unserer "Geburtstagsseite"zum Themenjahr nachzulesen.  

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© © Schoening Fotodesign, Stefan Schöning Fotodesign
Judith Uthmann-Tattermusch
23. August 2026