Mythos trifft Moorlandschaft: Die Rückkehr der Göttervögel
Ob im alten Ägypten, der griechischen oder keltischen Mythologie, im chinesischen Kaiserreich oder unseren Märchen, der Kranich beflügelt seit Jahrtausenden die Fantasie der Menschen.
Ob als Sonnenvogel oder Bote des Frühlings, als Symbol der Fruchtbarkeit, Wachsamkeit, Langlebigkeit, Vernunft und des Glücks oder als Mittler zwischen Leben und Tod, wohl kein anderer Vogel auf dieser Erde vereint so viel Symbolik in sich wie der Kranich.
Und wer kennt sie nicht, die Origamo-Kraniche oder die die Kraniche des Ibykus in Friedrich Schillers Gedankenlyrik, und die Bauernregeln nicht zu vergessen.
All diese Facetten zeigen die enge Verbunden des Menschen mit einem Vogel, der uns in seinen Bann zieht, ja zu hypnotisieren scheint. Wahrscheinlich ist es das Zusammenspiel ihrer imposanten Erscheinung, unbeschreiblichen Schönheit und spektakulären Liebestänze, gepaart mit Fernweh.
Der wohl weltweit bekannteste Kranich prangt als Wappenvogel auf dem Heckflügel der Lufthansamaschinen. Auch hier spielte die Fantasie der Menschen eine große Rolle.
Als Otto Firle, der bekannte Architekt und Grafiker 1918 das Logo für die Deutsche Luft-Reederei entwarf, hatte er keinen speziellen Vogel vor Augen, oder vielleicht doch?
Egal, ob nun Zufall oder nicht, für die Lufthansa, die den gelben Vogel auf blauem Grund vor über 80 Jahren als Markenzeichen übernahm, ist der Kranich seit Jahren Programm. „Die 1991 gegründete Arbeitsgemeinschaft „Kranichschutz Deutschland“, setzt sich maßgeblich für den dauerhaften Schutz der Graukraniche in Deutschland und Europa ein“, schreibt die Lufthansa Umweltförderung.
Die Liebenden von Berthold Brecht
Seht jene Kraniche in großem Bogen!
Die Wolken, welche ihnen beigegeben
Zogen mit ihnen schon als sie entflogen
Aus einem Leben in ein anderes Leben.
In gleicher Höhe und mit gleicher Eile
Scheinen sie alle beide nur daneben.
Daß so der Kranich mit der Wolke teile
Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen
Daß also keines länger hier verweile
Und keines anderes sehe als das Wiegen
Des andern in dem Wind, den beide spüren
Die jetzt im Fluge beieinander liegen:
So mag der Wind sie in das Nichts entführen.
Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben
So lange kann sie beide nichts berühren
So lange kann man sie von jedem Ort vertreiben
Wo Regen drohen oder Schüsse schallen.
So unter Sonn und Monds verschiedenen Scheiben
Fliegen sie hin, einander ganz verfallen.
Wohin ihr? - Nirgend hin. Von wem davon? - Von allen.
Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen?
Seit kurzem. - Und wann werden sie sich trennen? - Bald.
So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.
Steckbrief
Kranich heißt übersetzt so viel wie: „Der, der den Kopf hoch hält“. Carl von Linné hebt in seinem wissenschaftlichen Name Grus grus auf die graue Gefiederfarbe ab. Auf die imposante Erscheinung bezieht sich der lappländische Name Kuorga gleichbedeutend mit: „so groß wie ein Mensch“.
In der Tat ist er mit einer Körpergröße von bis zu 130 cm, einer Flügelspannweite von bis zu 245 cm und einem Körpergewicht von bis zu 7 kg eine imposante Erscheinung, größer und schwerer als Weißstorch und Reiher.
Der graue oder eurasische Kranich ist hierzulande die einzige Art seiner Ordnung. Die Synthese aus langen Beinen, dem Grau des Gefieders, der eindrucksvollen Federschleppe, dem langen Hals, der federlosen roten Kopfplatte und des keilförmigen kurzen Schnabels, machen ihn zu einer unverwechselbaren Erscheinung. Der Nachwuchs präsentiert sich in monotonem Graubraun, die Schleppe als auch die rote Hinterkopfzeichnung fehlen. Die Geschlechter unterscheiden sich durch die größeren Hähne.
Die monogam lebenden Kraniche verpaaren sich meist erst im dritten Lebensjahr. Die bis zu einen Meter großen, im unzugänglichen Sumpf sicher versteckten Bodennester, werden oft viele Jahre genutzt. Die regelhaft 2 Eier bebrüten beide Partner rund einen Monat. Die zimtfarbenen winzigen Jungvögel stehen ein Jahr unter der Aufsicht ihrer Eltern. Diese lange Sozialisationsphase ist für den Nachwuchs überlebenswichtig, muss er doch neben den Zugrouten die Nahrungszusammensetzung und potentiellen Feinde sowie das komplexe Gruppen- und Paarverhalten erlernen.
Emslandkraniche
Kraniche sind im Emsland Neubürger. Den Weg bahnten wahrscheinlich starke Herbstwinde, die die Tiere von ihren traditionellen Zugrouten abdriften ließen. Die Jahrtausende alten Wege werden von Generation zu Generation weitergegeben und orientieren sich an markanten Wegmarken. Eine wichtige Triebfeder der Streckenführung sind Nahrungsgebiete, unabdingbar für eine erfolgreiche Wanderung. Und so trugen Stürme die Kraniche ins Emsland, wo sie die abgeernteten Maisschläge schätzen lernten. Hinzu kamen vielerorts sichere Schlafplätze in den großflächig wiedervernässten degenerierten Hochmoorkomplexen.
So sind es die Maismonokulturen und die Umsetzung des Moorschutzprogramms, die dem Kranich im Emsland den Boden ebneten. Das in den 80er Jahren verabschiedete Schutzprogramm mit den Vorgaben der Wiedervernässung von über 30.000 ha abgetorfter Moorflächen sowie der Sicherung weiterer 50.000 ha Restmoorflächen wurde bis dato in großen Teilen realisiert.
Ob jemals in unserer Region Kraniche heimisch waren ist nicht belegt. Möglicherweise gab es sporadische Vorkommen, die ausgedehnten einstigen Moore konnten die großen Vögel wohl kaum ernähren.
Die ausgesprochen gute Futtergrundlage auf den abgeernteten Maisflächen, scheint sich unter den Kranichen zunehmend herum zu sprechen, die Zahlen zeigen seit Jahren eine steigende Tendenz. Das übrigens Europaweit. Die Art gilt heute nicht mehr als gefährdet. Die höchsten Ansammlungen fanden sich November 2016 in der Region Diepholzer Moorniederung, wo seinerzeit 83.198 Vögel rasteten.
Die traditionellen Überwinterungsgebiete der westeuropäischen Kraniche liegen schwerpunktmäßig in Frankreich und Spanien, wo sich Wintertags teils über 300.000 Vögel aufhalten.
Bedingt durch die Klimaerwärmung überwintern immer mehr Kraniche auch in unserer Region. Diese Vögel scheinen unsere Moore als ruhige Rückzugsgebiete zu schätzen, schreiten sie seit 2007 hier immer häufiger erfolgreich zur Brut.
Der Kranich scheint im Emsland eine neue Heimat gefunden zu haben. In einer Zeit, wo der Artenschwund die Naturschutzdiskussionen beherrscht, ein echter Lichtblick. Um diesen Schatz dauerhaft zu erhalten, müssen wir allerdings dafür Sorge tragen, dass sich unsere Feuchtbiotope weiter entwickeln und ihre Schutzziele durch ein behutsames Tourismuskonzept nicht beeinträchtigt werden.
Moor & mehr – Geschichten aus den Naturparken
Naturparke in der Ferienregion feiern Jubiläum
In Kooperation mit dem Emsland-Kurier feiern wir in diesem Jahr die Jubiläen “20 Jahre Naturpark Bourtanger Moor” und “10 Jahre Naturpark Hümmling” mit Geschichten über die eindrucksvolle Kulturlandschaft, prägnante und ungewöhnliche Sehenswürdigkeiten und ehrenamtliches Engagement mit viel Heimatgefühl.
Die Beiträge werden im Emsland-Kurier veröffentlicht und sind im Emsland-Blog "Moor & mehr“ auf unserer "Geburtstagsseite"zum Themenjahr nachzulesen.
Text und Fotos: Andreas Schüring







