FrauenWEGE – Elisabeth Gössmann
Rhede, München, Tokio: Elisabeth Gössmann prägte feministische Theologie auf zwei Kontinenten.
Der 8. April 1945 ist ein Tag der Gegensätze im Leben Elisabeth Gössmanns: Während ihr Bruder morgens noch die Erstkommunion feiert, warnen die Sturmglocken um 23 Uhr vor den heranrückenden Truppen – und die Familie wird wie viele andere Rheder nach Rhederfeld evakuiert. Dieser Tag verdeutlicht Gössmanns komplexe und durchaus widersprüchliche Beziehung zur Kirche: Einerseits erfüllt sie die theologische und philosophische Forschung, andererseits wird ihr als Frau in Deutschland eine Karriere als Theologin lange Zeit verweigert.
Elisabeth Gössmann, geb. Placke, kommt 1928 als Tochter einer katholischen Mutter und eines protestantischen Vaters in Osnabrück zur Welt. Die Ehe ihrer Eltern sensibilisiert sie schon früh für Unterschiede zwischen den Konfessionen. Das Mädchen erweist sich als aufgeweckte Schülerin, die es, trotz ihres Glaubens, stört, gewisse Dinge vorgelegt zu bekommen – weil „katholische Christen das glauben müssen“. Der Vater, ein Zollbeamter, wird zeitweise nach Leer und Dortmund versetzt. Als er eingezogen wird und der Zweite Weltkrieg voranschreitet, zieht Elisabeth mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Heiner zunächst nach Aschendorf und später nach Rhede.
Der Krieg in Rhede
Durch die Kriegsereignisse wird Elisabeths Schulbildung immer wieder unterbrochen. Während die Familie auf einem Bauernhof in Rhederfeld Unterschlupf findet, brennt ihr Haus durch die Kriegsgefechte vollständig ab. Neben der Ruine findet sie zwei gefallene deutsche Soldaten. Die Erlebnisse hinterlassen einen großen Eindruck auf die damals 16-Jährige. Später schreibt sie:
„Nach dem, was ich erlebt hatte – die Ängste im Luftschutzkeller vor dem Verschüttetwerden, der Anblick der gefallenen Soldaten in Rhede, die Zerstörung der alten Straßen mit den schönen Ackerbürgerhäusern in Osnabrück, die ich als Kind so geliebt hatte –, was sollte ich anderes studieren als Theologie und Philosophie? Ich fühlte mich veranlasst, nur noch ‚sub specie aeternitatis‘ zu leben und mich an nichts Vergängliches mehr zu hängen.“
Späte Anerkennung
Die verweigerte Habilitation ist nicht der einzige Rückschlag. 37-mal bewirbt sie sich auf einen Lehrstuhl in Deutschland – vergeblich. „Das ist vielleicht typisch für die Situation einer Frau, die bemüht ist, sich in einen neuen Lebens- und Arbeitsbereich zu integrieren […]“, schreibt sie ihrer Autobiographie mit dem prägnanten Titel „Geburtsfehler: weiblich“.
Angesichts der „Nicht-Karriere im eigenen Land“, wie sie es nennt, unterrichtet Elisabeth Gössmann ab 1955 an Universitäten in Tokio – teilweise sogar auf Japanisch. Begleitet wird sie von ihrem Mann, dem Literaturwissenschaftler Wilhelm Gössmann, und den beiden Töchtern. Erst 1986 erhält sie erste Lehraufträge von deutschen Universitäten. Heute gilt Elisabeth Gössmann als eine der bedeutendsten deutschen Theologinnen und als Wegbereiterin für feministische Theologie. Die Frage der Stellung der Frau im Christentum ist ein zentrales Thema ihrer Forschung. Zu ihren bekanntesten Werken gehören „Mulier Papa. Der Skandal eines weiblichen Papstes. Zur Rezeptionsgeschichte der Gestalt der Päpstin Johanna“ (1994) und das „Wörterbuch der feministischen Theologie“ (1991), das sie herausgibt. Ab den 1980er-Jahren erhält Elisabeth Gössmann mehrere Ehrendoktorwürden – die letzte 2017 in ihrer Geburtsstadt Osnabrück.
Vollständiger Name: Prof. Dr. theol. Dr. phil. habil. Dr. theol. h.c. mult. Elisabeth Maria Gössmann, geb. Placke
Geboren: 21. Juni 1928 in Osnabrück
Gestorben: 1. Mai 2019 in München
Eltern: Heinrich Placke (1899-1972, Zollbeamter) und Cäcilie „Cilly“ Mensing (1900-1981)
Beruf: Theologin und Philosophin, Universitätsprofessorin
Bezugspunkt im Emsland: Ehem. Wohnhaus, das Bezirkszollkommissariat („Kommisenhus“) (Nelkenstraße, 26899 Rhede (Ems))
Der 8. April 1945 ist ein Tag der Gegensätze im Leben Elisabeth Gössmanns: Während ihr Bruder morgens noch die Erstkommunion feiert, warnen die Sturmglocken um 23 Uhr vor den heranrückenden Truppen – und die Familie wird wie viele andere Rheder nach Rhederfeld evakuiert. Dieser Tag verdeutlicht Gössmanns komplexe und durchaus widersprüchliche Beziehung zur Kirche: Einerseits erfüllt sie die theologische und philosophische Forschung, andererseits wird ihr als Frau in Deutschland eine Karriere als Theologin lange Zeit verweigert.
Elisabeth Gössmann, geb. Placke, kommt 1928 als Tochter einer katholischen Mutter und eines protestantischen Vaters in Osnabrück zur Welt. Die Ehe ihrer Eltern sensibilisiert sie schon früh für Unterschiede zwischen den Konfessionen. Das Mädchen erweist sich als aufgeweckte Schülerin, die es, trotz ihres Glaubens, stört, gewisse Dinge vorgelegt zu bekommen – weil „katholische Christen das glauben müssen“. Der Vater, ein Zollbeamter, wird zeitweise nach Leer und Dortmund versetzt. Als er eingezogen wird und der Zweite Weltkrieg voranschreitet, zieht Elisabeth mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Heiner zunächst nach Aschendorf und später nach Rhede.
Der Krieg in Rhede
Durch die Kriegsereignisse wird Elisabeths Schulbildung immer wieder unterbrochen. Während die Familie auf einem Bauernhof in Rhederfeld Unterschlupf findet, brennt ihr Haus durch die Kriegsgefechte vollständig ab. Neben der Ruine findet sie zwei gefallene deutsche Soldaten. Die Erlebnisse hinterlassen einen großen Eindruck auf die damals 16-Jährige. Später schreibt sie:
„Nach dem, was ich erlebt hatte – die Ängste im Luftschutzkeller vor dem Verschüttetwerden, der Anblick der gefallenen Soldaten in Rhede, die Zerstörung der alten Straßen mit den schönen Ackerbürgerhäusern in Osnabrück, die ich als Kind so geliebt hatte –, was sollte ich anderes studieren als Theologie und Philosophie? Ich fühlte mich veranlasst, nur noch ‚sub specie aeternitatis‘ zu leben und mich an nichts Vergängliches mehr zu hängen.“
- Elisabeth Gössmann: „Geburtsfehler: weiblich“, S. 187
Späte Anerkennung
Die verweigerte Habilitation ist nicht der einzige Rückschlag. 37-mal bewirbt sie sich auf einen Lehrstuhl in Deutschland – vergeblich. „Das ist vielleicht typisch für die Situation einer Frau, die bemüht ist, sich in einen neuen Lebens- und Arbeitsbereich zu integrieren […]“, schreibt sie ihrer Autobiographie mit dem prägnanten Titel „Geburtsfehler: weiblich“.
Angesichts der „Nicht-Karriere im eigenen Land“, wie sie es nennt, unterrichtet Elisabeth Gössmann ab 1955 an Universitäten in Tokio – teilweise sogar auf Japanisch. Begleitet wird sie von ihrem Mann, dem Literaturwissenschaftler Wilhelm Gössmann, und den beiden Töchtern. Erst 1986 erhält sie erste Lehraufträge von deutschen Universitäten. Heute gilt Elisabeth Gössmann als eine der bedeutendsten deutschen Theologinnen und als Wegbereiterin für feministische Theologie. Die Frage der Stellung der Frau im Christentum ist ein zentrales Thema ihrer Forschung. Zu ihren bekanntesten Werken gehören „Mulier Papa. Der Skandal eines weiblichen Papstes. Zur Rezeptionsgeschichte der Gestalt der Päpstin Johanna“ (1994) und das „Wörterbuch der feministischen Theologie“ (1991), das sie herausgibt. Ab den 1980er-Jahren erhält Elisabeth Gössmann mehrere Ehrendoktorwürden – die letzte 2017 in ihrer Geburtsstadt Osnabrück.
Vollständiger Name: Prof. Dr. theol. Dr. phil. habil. Dr. theol. h.c. mult. Elisabeth Maria Gössmann, geb. Placke
Geboren: 21. Juni 1928 in Osnabrück
Gestorben: 1. Mai 2019 in München
Eltern: Heinrich Placke (1899-1972, Zollbeamter) und Cäcilie „Cilly“ Mensing (1900-1981)
Beruf: Theologin und Philosophin, Universitätsprofessorin
Bezugspunkt im Emsland: Ehem. Wohnhaus, das Bezirkszollkommissariat („Kommisenhus“) (Nelkenstraße, 26899 Rhede (Ems))
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