„Bodenschmecker“ ging umher

Thema in der Tagespflege Spelle: der Emslandplan – Senioren erinnern sich

06.07.2025
Viel zu erzählen hatten die Senioren in Spellle.

Thema in der Tagespflege Spelle: der Emslandplan – Senioren erinnern sich

Das Jubiläum „75 Jahre Emslandplan“ hat bei Speller Senioren viele Erinnerungen ausgelöst. „Das war für uns in der Tagespflege im Seniorenzentrum am Rathaus in Spelle Anlass, uns damit ein wenig näher zu beschäftigen und mit unseren Gästen darüber ins Gespräch zu kommen“, sagt Ulla Evers. Im Rahmen eines Projekts hätten die Tagesgäste über verschiedene Aspekte des Emslandplans gesprochen, sich erinnert und manchmal auch diskutiert und gelacht. Das Torfstechen, die Wohnverhältnisse, die Aufnahme von Vertriebenen und die Lebensumstände im Allgemeinen wurden gemeinsam erinnert und besprochen. Die Internetseiten des Emslandmuseums sowie die Bücher „Die Flurbereinigung“ von Klaus Brunklaus und „So wör dat dormols“ von Hermann Möller dienten dabei als Informationsquellen.

Im Rahmen dieses Projekts hat Hans Hoffrogge, Landwirt aus Spelle und ehemaliger Bürgermeister von Varenrode, einen Vormittag mit der Runde verbracht. „Zusammen haben wir uns an die schwierige Zeit nach dem Krieg und die besonderen Herausforderungen dieser Zeit erinnert“, so Evers. Thematisiert worden seien auch die Neuordnungen durch die Flurbereinigung. Hans Hoffrogge war als junger Mann in den 1960er-Jahren Bürgermeister in Varenrode, das damals noch eigenständige Gemeinde war, und hatte in dieser Funktion direkt mit der Gestaltung der Veränderungen zu tun. Er berichtete von einem Geist des „Etwas-Verändern-Wollens“ und des Anpackens, den viele Menschen in den Dörfern der heutigen Samtgemeinde Spelle in dieser Zeit hatten. Zusammen hätten sie sich den Herausforderungen gestellt, sich politisch engagiert, sich vernetzt und immer wieder das Gespräch mit Behörden, Ämtern und Verantwortlichen der Gesetzgebung gesucht.

Die Flurbereinigung, der Wasserbeschaffungsverband Lingener Land, die Unterhaltungs- und Landschaftspflegeverbände „Große Aa“ und „Ems“ und der Zusammenschluss zu einer Samtgemeinde Spelle wurden durch Akteure aus den Gemeinden mitorganisiert und ausgehandelt. Man ging die Kultivierung eines Teils des Moorgebiets Speller Dose an, und man nahm die Aussiedlungen der landwirtschaftlichen Betriebe im Zuge der Flurbereinigung in Angriff. Hans Hoffrogge ist 1971 selbst als Landwirt mit seinem Betrieb aus der Varenoder Ortslage heraus an die Speller Dose ausgesiedelt. Er konnte von seinen schwierigen Anfängen berichten.

Die Kultivierung des Moores in Spelle erfolgte aus Kostengründen mit Hilfe von Raupen der Rütenbrocker Firma Schütte und der Firma Nie-Tieke aus Leschede. Fünf Raupen mussten hintereinander gehängt werden, um einen entsprechenden Pflug durch das Moor ziehen zu können. So wurde mühsam die Moorfläche zu Ackerland umgewandelt. Anfänglich blieb der Traktor auch schon mal mitten auf dem Acker stecken und sank leicht ein. Das erste landwirtschaftliche Pflügen sei damals für den Pflug – es handelte sich dabei um einen Vierscharpflug eines Bekannten - nicht so gut ausgegangen.

Erst als Hans Hoffrogge mit einem Freund mit dem Pflug vor dem Schlepper herging und alle „Moorteufel“ (so bezeichnete man feste Bodenschichten, die durch die Kultivierung nicht aufgebrochen worden waren) von Hand aus dem Weg räumte, wurde es leichter für den Pflug. Dann mussten Phosphor und Kali auf die Fläche gebracht werden, und dennoch fiel die erste Ernte noch mager aus.

Hans Hoffrgoge sprach auch von weiteren Landwirten, die aus dem Ortskern von Spelle ausgesiedelt sind, unter anderem in den Osterbruch von Spelle und in die Speller Dose. So wurde Platz für den Neubau der heutigen Oberschule Spelle im Ort geschaffen. Diese Maßnahme war nötig geworden, um den Neuregelungen im Schulgesetz gerecht zu werden.


Zudem entstanden Flächen für die Entwicklung der Spelle Betriebe wie z. B. Krone Landmaschinen, Rekers Betonwerk, Motorenfabrik Storm und auch Rekers Maschinen- und Anlagenbau sowie weitere Industriebetriebe. Die gesamte Entwicklung der Gemeinde Spelle mit den Ortsteilen Venhaus und Varenrode und den Gemeinden Schapen und Lünne sei mit diesen Veränderungen und dem Emslandplan mehr oder weniger verbunden gewesen.

Gerade die Zusammenlegung von zersplitterten Grundstücken zu größeren Einheiten habe die Bewirtschaftung enorm erleichtert. Die Entwicklung von landwirtschaftlichen Maschinen schritt voran, und es wurden weniger Arbeitskräfte in der Landwirtschaft benötigt. Die Produktivität wurde gesteigert, und die Landwirtschaft wurde insgesamt effizienter.

Viele Gäste der Tagespflege Spelle erinnerten sich noch an die hitzigen Diskussionen, als es um die Verteilung der Flächen ging. Keiner wollte sein bestes Ackerland abgeben, aber immer wurden Lösungen gefunden. Der sogenannte „Bodenschmecker“ spielte hier eine große Rolle. Er bewertete die Böden und gab ein Gutachten ab. Viele erinnerten aber auch an die schwere Arbeit und dürftige Ernten vor dieser Zeit. So war das Treiben der Kühe von einer Wiese zur anderen oft sehr müheselig, da lange Strecken von Ortsgrenze zu Ortsgrenze bewältigt werden mussten, in denen die Kühe zusammenbleiben mussten. Dafür wurden viele Hände gebraucht. Auch das Kartoffelsammeln nach der Schule ist eine Erinnerung, die alle Gäste einte. Nach der Schule wurden gemeinschaftlich bei den Bauern die Kartoffeläcker abgesammelt. Anschließend konnten die Flüchtlingsfamilien noch nach dabei übersehenen Kartoffeln suchen.

Die Flurbereinigung habe auch versucht, Gewässer- und Naturschutz zu integrieren. So wurde nicht die ganze Moorfläche in der Speller Dose kultiviert; seit 1983 steht sie unter Naturschutz. Durch die Zusammenlegung der Ackerflächen abgeholzte Hecken mussten am neuen Ackerrand wieder neu angepflanzt werden.


Im Wege -und Gewässerplan wurde die Infrastruktur neugeordnet und weiterentwickelt. Viele neue Straßen ermöglichten nicht nur den Firmen einen guten Transport ihrer Waren, sondern erleichterten auch den Landwirten den Weg zu ihren Nutzflächen. Arbeitnehmer konnten die Arbeitswege schneller, sicherer und besser bewältigen. Der Venhauser Hafen erhielt sein erstes Becken – eine Erfolgsgeschichte bis heute. Aber auch der Bau einer Kanalisation ist vielen Gästen sehr gut in Erinnerung geblieben. Die ersten Siedlungsgebiete hatten noch ein gemeinschaftliches Dreikammersystem erhalten.



Wassergräben wurden geschaffen, um ein Überfluten der Wiesen und Äcker zu reduzieren. Viele Gäste konnten sich noch an regelmäßige Überflutungen von Äckern und ständig feuchte Wiesen erinnern und die damit verbunden Reparaturen und Ernteausfälle. Viele Höfe standen häufig unter Wasser oder konnten trockenen Fußes nicht mehr erreicht werden. Viele erinnerten sich, dass Anton Lemker in seiner Baracke oft nasse Füße hatte. Diese hatte ihren Standort beim heutigen Aldi-Markt. Bernard Diekmännken erzählte, dass gerade im Bereich, wo die Hopstener Aa und die Dreierwalder Aa in Spelle zusammenfließen und zur Speller Aa werden, Überschwemmungen regelmäßig vorkamen. Als er seinen Betrieb, eine Kfz-Werkstatt mit Tankstelle, in der Nähe der Speller Aa aufbaute, musste erst sehr viel Sand angefahren werden, damit das Grundstück aus der Senke herauskam. Der Aufwand habe sich gelohnt: Die Aa habe ihn in seinem Geschäft nie besucht.




„Das Jubiläum des Emslandplans war für uns eine schöne Reise in die Vergangenheit. Die Lebensumstände haben sich durch die vielen Maßnahmen enorm verbessert“, sind sich die Senioren aus der Tagespflege, die bei dem Projekt mitgewirkt haben, einig.




Emslandliebe – Gestern. Heute. Morgen.
Das Themenjahr 2025 rund um das Jubiläum „75 Jahre Emslandplan“ ist eine Serie aus Erzählungen in Kooperation mit der Emsländischen Landschaft, der Emsland Tourismus GmbH und des Emsland-Kuriers. 

06. Juli 2025