Das Gymnasium in Handrup im Windschatten des Emslandplans
Schulverbund wichtiger Baustein für das südliche Emsland
Schulverbund wichtiger Baustein für das südliche Emsland
Am 22. Mai 1923 begann für die ersten 33 Schüler in der „Humanistischen Studienanstalt des Missionshauses Handrup“ der Unterricht. Seither hat sich das heutige Gymnasium Leoninum weiterentwickelt. Zwar ist dies nicht unmittelbar auf den Emslandplan zurückzuführen. Aber betrachtet man diese Entwicklung, so könnte man sagen, dass im Windschatten des Emslandplans, der zur „Erschließung der Ödländereien des Emslandes“ am 5. Mai 1950 vom Bundestag verabschiedet wurde, auch entscheidende Schritte für ein Gymnasium im südlichen Emsland gegangen worden sind.
Im Gespräch mit Franz-Josef Hanneken, dem heutigen Schulleiter des Gymnasiums Leoninum, Paul Wöste, ehemaliger und langjähriger Lehrer sowie Bernhard Wehlage, seinerzeit Internatsbewohner und heute aktiv im Vorstand des Ehemaligenvereins Alumni Handrup, lassen sich wichtige Stationen ebenso wie ein Gefühl für das schulische Selbstbewusstsein, aber auch Anekdoten nachvollziehen.
Das Gymnasium in Handrup besaß bis in die 1950er Jahre hinein keine staatliche Anerkennung für eine Abiturprüfung. Schüler, die bis dahin dort unterrichtet wurden, mussten ihre Reifeprüfung im niederländischen Sittard ablegen. Dort hatten die Herz-Jesu-Priester ihr Mutterhaus und ihre damals zunächst einzige Schule. Dazu muss man verstehen, dass die Einrichtung einer Schule für die Dehonianer durchaus auch mit dem Wunsch verbunden war, Priesternachwuchs auszubilden. „In den katholischen, kinderreichen Gegenden des Emslandes und Oldenburger Münsterlandes schien es am Anfang der 20er Jahre viele junge Männer gegeben zu haben, die für den geistlichen Beruf fähig und geeignet waren. Weil aber in diesen Gebieten nur wenige Gymnasien existierten, konnten entsprechende Begabungen nur selten gefördert werden“, so heißt es in einem Aufsatz von Karin Kowalkowski-Renner und Johannes Leifeld in der Festschrift „100 Jahre Gymnasium Handrup“.
In der Festschrift ist die schulische Entwicklung in drei Phasen eingeteilt. Die erste Phase markiert die Zeit von 1923 bis zum Kriegsbeginn. Mit Kriegsbeginn war es zunächst aus mit dem gymnasialen Unterricht: Eine nationalsozialistische Lehrerinnenbildungsanstalt wurde in den Gebäuden untergebracht.
Ab 1946 konnte der Schulbetrieb mit 38 Schülern wiederaufgenommen werden. Bis 1970 steigerte sich diese Anzahl auf 312. Bemerkenswert ist in dieser so bezeichneten zweiten Phase der außerordentlich hohe Anteil von Internatsschülern. Dieser überstieg die Anzahl der Schüler, die täglich von zuhause aus zur Schule kamen, um ein Vielfaches. Dafür gab es mehrere Gründe. Ein Grund war die fehlende Infrastruktur. Einen Busverkehr, der Schüler aus dem Umkreis zum Unterricht transportierte, gab es nicht. Dazu kam, dass Handrup zur Anlaufstelle insbesondere für Familien mit vielen Kindern wurde, die ihre begabten Söhne sonst nicht auf ein Gymnasium hätten schicken können, und das aus einem weiten Umkreis. „Viele Ehemalige berichten mir, dass sie, wenn es Handrup nicht gegeben hätte, kein Abitur hätten machen können“, erzählt Bernd Wehlage von Alumni Handrup. Das Schulgeld, das der Orden verlangte, sei immer moderat und den wirtschaftlichen Möglichkeiten der Familien angemessen gewesen.
„Der Orden legte damals und legt auch heute noch Wert auf die Erhaltung der Schule. Denn den Herz-Jesu-Priestern liegt am Herzen, dass neben den Unterrichtsinhalten ein Menschenbild geprägt wird, das nicht nur gewinnorientiert und von einer Ellenbogenmentalität bestimmt ist“, erklärt Franz-Josef Hanneken, warum es stets möglich gemacht worden sei, auch Kinder aus finanziell schwächeren Familien im Internat unterzubringen. „Das Schulgeld konnte früher auch in Naturalien abgeführt werden“, ergänzt Bernd Wehlage schmunzelnd. Infolgedessen hatte sich Handrup weit über das südliche Emsland hinaus einen guten Ruf erarbeitet. Familien aus dem Oldenburger Münsterland, dem Ruhrgebiet, dem Osnabrücker Raum, aber auch aus Haren und von den Inseln schickten ihre Kinder in das kleine Dorf.
Auch der gebürtige Dohrener Bernd Wehlage hat seine Schulzeit als Internatsschüler verbracht, und das, wenn man so will, in Phase 3 des Handruper Gymnasiums. Diese begann 1971 und war geprägt von vielen Modernisierungen. Augenfällig war besonders eine Veränderung: Auch Mädchen besuchten fortan die Schule. „Im ersten Jahrgang waren es nur drei“, erinnert er sich.
Mit dem Jahr 1971 begann auch die Periode, in der Pater Josef Meyer-Schene das Direktorat übernahm. Bis 1998 verblieb er in dieser Position, in der viele Weichen für einen modernen Schulbetrieb gestellt worden sind. 1999 erhielt er dafür das Bundesverdienstkreuz. Entscheidend war die Errichtung eines Schulverbunds, den das Gymnasium Leoninum mit den Samtgemeinden Lengerich, Freren und Spelle schloss.
1972 wurde in Niedersachsen die Orientierungsstufe eingeführt, eine Schulform, die bis 2004 existierte. Diese umfasste das fünfte und sechste Schuljahr und sollte Kindern eine Orientierung ermöglichen, ob sie im Anschluss ein Gymnasium, eine Realschule oder eine Hauptschule besuchen würden. Mit dem Schulverbund ging eine intensive Zusammenarbeit des Gymnasiums Leoninum und den Orientierungsstufen der drei Samtgemeinden einher, so beispielsweise auch ein institutionell geregelter Lehrertausch. Das Ziel war, Schülerinnen und Schülern einen möglichst einfachen Übergang aufs Gymnasium zu ermöglichen. Das Schulgeld, das Handrup als Schule in freier Trägerschaft erheben muss, wird für diese Schüler laut Vereinbarung vom Landkreis Emsland getragen.
Nicht im Schulverbund sind Schüler aus Lingen und dem angrenzenden Landkreis Osnabrück, aus dem ebenfalls viele Kinder nach Handrup kommen. Auch die Kooperation mit der Samtgemeinde Fürstenau und später weiteren fiel in die Zeit von Pater Meyer-Schene.
Im Zuge der Modernisierung ist rund um das Gymnasium viel Neues entstanden. „Es gab ja drumherum nichts“, sagt Paul Wöste. Deshalb wurden ein Frei- und ein Hallenbad errichtet, großzügige Sportanlagen, eine Theaterbühne und einiges mehr. Auch der Einsatz von Bussen aus den einzelnen Orten nach Handrup wurde organisiert. „Das waren damals alles Privatfahrten, die die Schule mit den Busunternehmern geregelt hat“, erinnert Paul Wöste an die Anfänge. Noch heute beginnt der Unterricht in Handrup früher als an anderen Schulen: „Es gab und gibt ja nur eine begrenzte Anzahl an Bussen, und diese werden später für die Fahrten zu den anderen Schulen benötigt“.
Im Laufe der Jahre wurde aus Handrup „eine normale Schule“. Durch die Busverbindungen war die Notwendigkeit, im Internat zu leben, kaum mehr gegeben, sodass der Internatsbetrieb 1999 komplett eingestellt worden ist. Apropos „normal“: „Wir hören manchmal, dass Handrup eine Eliteschule sei. Das haben wir so aber nie gesehen“, unterstreicht Schulleiter Hanneken. Im Gegenteil: Das Gymnasium im kleinen Dorf Handrup sollte ja gerade eine Lücke im südlichen Emsland schließen, damit Kinder aus allen Familien Abitur machen können.
Heute, nach rund 70 Abiturjahrgängen, leben „Handruperinnen und Handruper“ nicht nur im Emsland, wo sie in vielfacher Art und Weise die Gesellschaft mitprägen, sondern überall in Deutschland und der ganzen Welt. Und manch einer von ihnen hat bestimmt aktiv am Emslandplan mitgewirkt.
Emslandliebe – Gestern. Heute. Morgen.
Das Themenjahr 2025 rund um das Jubiläum „75 Jahre Emslandplan“ ist eine Serie aus Erzählungen in Kooperation mit der Emsländischen Landschaft, der Emsland Tourismus GmbH und des Emsland-Kuriers.








