„Drei Kekse und zwei Stückchen Schokolade“

Eine Kindheit in Brögbern

02.03.2025

Eine Kindheit in Brögbern

„Ich hatte meine liebe Großmutter betrogen!“ Wenn Hiltrud Lübben-Hollmann diesen Satz heute sagt, liegt darin keine kindliche Dramatik mehr, sondern ein ehrliches, lebenslanges Erinnern. Über 70 Jahre lebt sie inzwischen in Bremen – aber ihre Wurzeln, die liegen tief in der sandigen Erde von Brögbern bei Lingen. Aufgewachsen ist sie bei ihren Großeltern mütterlicherseits, einfachen Heuerleuten, die ihr Haus und fünf Hektar Land vom Großbauern gepachtet hatten.


„Wir hatten ein Pferd, vier Kühe, ein paar Schweine und etwa 30 Hühner. Die Milch ging täglich zur Molkerei nach Bawinkel, die Eier zum Lebensmittelladen im Dorf – dafür bekamen wir Zucker und Gewürze.“ Es war ein bescheidenes, aber funktionierendes Leben. Die Großeltern gehörten zu den wenigen Protestanten im überwiegend katholischen Brögbern. „Unser Glaube war intensiv – auch weil wir ihn bewahren mussten“, erinnert sich Hiltrud. „‚Der liebe Gott sieht alles‘, das war so ein typischer Satz meiner Großeltern. Und ich habe mich wirklich immer daran gehalten – bis zu meinem Schuleintritt.“


Denn dort, mussten die Geburtstagskinder vor der ganzen Klasse, verkünden, was sie geschenkt bekommen hatten. „Geburtstage wurden bei uns gar nicht gefeiert, Kuchen gab’s nicht und Geschenke schon gar nicht. Ich hatte nie etwas vermisst. Aber jetzt? Da stand ich da. Ich konnte doch nicht einfach sagen: Nichts.“ Also überlegte sie sich eine Geschichte: „Drei Kekse. Die backte Oma ja sonst auch zu Weihnachten. Und zwei Stück Schokolade – das machte es glaubwürdiger. Ich sagte es vor der Klasse auf – ganz glatt. Und die Lehrerin schwieg. Aber mein Gewissen – das schrie.“


Zwei Tage später beichtete sie ihrer Großmutter den erfundenen Geburtstagsbericht. „Sie hat mich nicht ausgeschimpft. Stattdessen wurde sie wütend – auf die Lehrerin. Sie hat sofort verstanden, dass ich mich nur geschämt hatte.“ Der Schulbesuch wurde Hiltrud danach für ein halbes Jahr erspart, denn der Krieg trat in eine kritische Phase ein und die meisten Schulen konnten keinen Unterricht mehr gewährleisten.

Ende 1944 rückte die Rote Armee im Rahmen ihrer Ostoffensiven schnell ins deutsche Ostgebiet vor. Zahlreiche Zivilisten – vor allem aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien – flohen daher in langen Trecks westwärts, um nicht in sowjetische Kampfhandlungen und Gewaltakte zu geraten. Da die Landrouten zunehmend blockiert waren, organisierte die deutsche Kriegsmarine mit Operation Hannibal zusätzlich per Schiff Evakuierungen über die Ostsee. Trotzdem strandeten viele Menschen tagelang ohne ausreichende Versorgung auf den eiskalten Winterstraßen. Einige hatten aber Glück und schafften es bis in den Raum Lingen.


Das kleine Dorf erlebte eine Veränderung, die größer war als alles, was es bisher kannte: „Im Winter 1944/45 kamen die ersten Flüchtlinge aus Ostpreußen und Pommern. Dann Schlesier, Oberschlesier. Das Dorf verzehnfachte sich praktisch. Jede Familie musste Flüchtlinge aufnehmen – auch wir.“ In das Haus ihrer Großeltern zogen zwei Frauen: eine Mutter und ihre schwangere Tochter Anneliese. „Ich musste mein Bett aufgeben und bei meiner Oma schlafen – das war wunderbar, vor allem im Winter! Anneliese habe ich sofort ins Herz geschlossen. Aber ich habe sie kaum verstanden – sie sprach Hochdeutsch!“

Was folgte, war eine zarte Form des interkulturellen Austauschs im engsten Raum: „Anneliese brachte mir Hochdeutsch bei. Und erklärte mir, dass das ‚hintere Gesicht‘ genauso oft gewaschen werden müsse wie das vordere.“ Denn Körperpflege bestand bis dahin meist darin, sich mit dem Waschlappen den Schlaf aus den Augen zu wischen. „Wir hatten ja kein elektrisches Licht, kein fließendes Wasser. Alles kam aus dem Brunnen, und die Diele wurde mit Petroleumlampen beleuchtet. Keiner hat sich groß um Hygiene gekümmert.“ Zwischen den beiden jungen Mädchen entstand eine Freundschaft.


Heute blickt Hiltrud Lübben-Hollmann mit stillem Stolz auf diese Zeit zurück. „Aus meiner Rückschau betrachtet, ist die gegenseitige Akzeptanz und das daraus resultierende Miteinander absolut gelungen.“ Eine Erinnerung, die leise beginnt – mit drei Keksen und zwei Stück Schokolade – und doch so viel über das Leben, das Teilen und das Verstehen erzählt.

Emslandliebe – Gestern. Heute. Morgen.
Das Themenjahr 2025 rund um das Jubiläum „75 Jahre Emslandplan“ ist eine Serie aus Erzählungen in Kooperation mit der Emsländischen Landschaft, der Emsland Tourismus GmbH und des Emsland-Kuriers. 



Logo Emsland-Kurier ©EL-Kurier.JPG
Felicitas Erhardt
02. März 2025