FrauenWEGE – Emmy von Dincklage

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Sie war die „Dichterin des Emslands“ und doch unterwegs in der Welt: Emmy von Dincklage.
Als Emmy von Dincklage 1883 auf dem Schriftstellertag in Darmstadt spricht, ist sie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere: Die knapp 60-Jährige gehört zu den meistgelesenen deutschen Autoren. Möglicherweise ist es dieser Ruhm, der es ihr erlaubt, die fehlende Erwähnung von Schriftstellerinnen zu kritisieren: „In den ‚Aufforderungen des Vorstandes‘ figurierten wir als ‚Herren‘, man ließ die schönen Damen leben, erwähnte der dichtenden aber schonungslos nicht.“ Sie schwört, sich dafür einzusetzen, dass auch Schriftstellerinnen Beachtung finden – denn im späten 19. Jahrhundert ist die Literaturwelt von Gleichberechtigung weit entfernt. So wird die Schriftstellerin von zeitgenössischen Kritikern für ihren „männlichen“ Schreibstil gelobt. Ihre frühen Werke unterschreibt sie lieber mit dem geschlechtsneutralen „E. von Dincklage“ – möglicherweise, um die Chance auf eine Veröffentlichung zu erhöhen.
Das Emsland als Inspiration
Emmy von Dincklage führt ein für damalige Verhältnisse ungewöhnliches und emanzipiertes Leben. Sie wird 1825 als ältestes von sechs Geschwistern auf Gut Campe geboren. Regelmäßig sind Intellektuelle auf dem Gut zu Gast, darunter die Dichterin Katharina Schücking. Die junge Emmy beginnt, selbst Gedichte zu verfassen – allerdings ohne Unterstützung durch ihre Eltern. Später lernt sie in einem Mindener Literaturkreis die Schriftstellerin Mathilde Marcard kennen, die sie dazu inspiriert, Novellen zu schreiben. 1856 erscheint ihre erste Novelle „Das alte Liebespaar“.
In den nächsten Jahrzehnten veröffentlicht Emmy von Dinklage zahlreiche Novellen, Romane und Kurzgeschichten. Am beliebtesten sind die „Geschichten aus dem Emslande“ (1872-73), die die Region erstmals auf die literarische Karte setzen. Im Zentrum ihrer Erzählungen stehen oft die „einfachen“ Menschen im Emsland mit ihren Sitten und Gebräuchen. Emmy von Dincklage schöpft vor allem aus ihren eigenen Erfahrungen – dementsprechend sind Begegnungen über Standesgrenzen hinweg keine Seltenheit in ihren Texten. Auch Werke zeitgenössischer Autoren dienen ihr als Inspiration. Ein enger Freund ist der Autor Levin Schücking, Katharina Schückings Sohn, der wie sie versucht, das oftmals als rückständig angesehene Emsland in ein romantischeres Licht zu rücken. Derartige Heimatliteratur war damals in Zeiten fortschreitender Industrialisierung sehr beliebt.
Die Veränderungen durch den technischen Fortschritt sind immer wieder Thema, etwa in der Erzählung „Der Striethast“: „Wie sie heute von dem Dorfe Sögel heimkehren […] so thaten es auch ihre Vorfahren und werden es ihre Enkel thun, obgleich wir dafür gesorgt haben, daß diese nicht mehr […] im Sande waten; denn die heutige Generation findet eine regelrechte Steinstraße, und die Reisenden können, wenn sie von Lathen oder Papenburg kommen, bis an diesen gepflasterten Damm auch noch die hannoversche Westbahn benutzen.“
Unterwegs auf zwei Kontinenten
Persönlich ist Emmy von Dincklage weit weniger im Emsland behaftet als ihre Geschichten. Mit 23 Jahren reist sie mit ihrer Mutter nach Wiesbaden und Mainz, was eine lebenslange Reiselust in ihr weckt. Sie ist unter anderem in Italien und Frankreich unterwegs und lebt längere Zeit bei einer Freundin im heutigen Tschechien (damals Oberschlesien). Sie verbringt sogar zehn Monate in den USA, wo sie insbesondere deutsche Auswanderer jubelnd empfangen. In ihren letzten Lebensjahren wohnt sie hauptsächlich in Lingen, wo ihre Eltern mittlerweile leben.
„Ich reise nicht, ich lebe nur an verschiedenen Orten.“ – Emmy von Dincklage
Möglich sind die vielen Reisen unter anderem, weil Emmy von Dincklage zeitlebens unverheiratet bleibt. Zwar ist sie drei Jahre lang mit dem Offizier Karl von Wenckstern verlobt, sie muss die Verbindung aber auf Druck ihrer Eltern wieder lösen. Danach entschließt sie sich bewusst dafür, ledig zu bleiben, um sich auf das Schreiben konzentrieren zu können. Ab 1866 ist sie Stiftsdame im Stift Börstel. Mit einer Mitgift kaufen sich die Eltern in das Stift ein und sichern so lebenslang den Unterhalt für ihre Tochter. Für Emmy von Dincklage hat dies den Vorteil, dass sie ihr Leben relativ unabhängig gestalten kann und trotzdem ein hohes Ansehen genießt – anders als unverheiratete Frauen aus einfacheren Verhältnissen. Wohnrecht im Stift Börstel erhält sie aus Platzgründen jedoch erst 1891. Wahrnehmen kann sie es nie, denn sie stirbt am 28. Juni 1891, wenige Tage nach einer Kehlkopfoperation.

 
Vollständiger Name: Amalie Ehrengarte Sophie Wilhelmine von Dincklage-Campe
Geboren: 13. März 1825 auf Gut Campe in Kluse, Samtgemeinde Dörpen
Verstorben: 28. Juni 1891 in Berlin
Eltern: Freiherr Hermann Eberhard von Dinklage-Campe (1796-1886), Freifrau Julie von Dinklage-Campe, geb. von Stoltzenberg (1803-1895)
Beruf: Schriftstellerin
Bezugspunkte im Emsland: Gut Campe (Haus-Campe-Weg 1, 26892 Kluse); Georgstraße 31, 49809 Lingen

 

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