FrauenWEGE – Adele Oldiges

  • Historische Stätte
Sie wurde an einem Ort geboren, der nicht mehr ist: Adele Oldiges aus Wahn.
Es ist der 25. Juni 1939, als Bischof Wilhelm Berning nach Wahn kommt. Der Besuch des Geistlichen in dem stark katholisch geprägten Ort wäre normalerweise ein Grund zur Freude. Doch es sind keine guten Nachrichten, die der Bischof in seiner Predigt in der St.-Antoniuskirche verkündet: Alle Einwohner müssen Wahn in den nächsten vier Jahren verlassen. Die Nationalsozialisten hatten beschlossen, den Ort dem Erdboden gleichzumachen, um den benachbarten Kruppschen Schießplatz zu erweitern.
Adele Oldiges, geb. Temmen, ist an diesem Tag nicht in Wahn. Doch auch 80 Jahre nach der verhängnisvollen Predigt – da ist sie 100 Jahre alt – kann sie sich noch genau an die Kirche erinnern, die den Ort so prägte. Sie war eine der größten in der Region gewesen und wurde auch „Dom des Hümmlings“ genannt. 1919 wird Adele auf einem Bauernhof in Wahn geboren. Sie muss schon früh mit anpacken, ihre Mutter stirbt, als das Mädchen acht Jahre alt ist. Als der Bischof die Auflösung Wahns bekannt gibt, absolviert sie gerade ihre Ausbildung an einer Haushaltsschule in Geldern am Niederrhein – „so wie es alle Bauerntöchter mussten“, wie sie später der Ems-Zeitung berichtet.
Bis 1943 zieht sich die Umsiedlung der Wahner hin. Mit über 1000 Einwohnern war der Ort einer der größten im nördlichen Emsland gewesen, mit einem Alter von rund 1000 Jahren auch einer der ältesten. Als Adele zurückkehrt, sind drei ihrer Brüder schon nicht mehr da – sie sind nach Mecklenburg gegangen. Im Dezember 1940 laden die junge Frau und ihr Vater Wilhelm Anton Temmen ihre wichtigsten Habseligkeiten auf einen Pferdewagen, um ihnen zu folgen.
Zurück ins Emsland
Es folgen rastlose Jahre für Adele Temmen. Am Ende des Zweiten Weltkriegs nehmen zwei belgische Brüder, die von den Nationalsozialisten im Osten zum Arbeitsdienst gezwungen worden waren, sie mit ins Rheinland. Unterwegs werden sie immer wieder bestohlen. Adele landet schließlich in Bedburg-Hau bei Kleve, wo sie auf einem Bauernhof unterkommt. Zu den Bewohnern hat sie ein herzliches Verhältnis. Eine Flüchtlingsfamilie nimmt sie schließlich mit nach Osnabrück. Von dort aus reist sie weiter nach Meppen, wo ihre Tante und eine ihrer Schwestern leben. Ihr Vater stößt später dazu.
Zuhause im Emsland heiratet Adele Heinrich Oldiges. Das Stammhaus seiner Familie stand ebenfalls in Wahn, direkt neben der Kirche. Die beiden ziehen nach Lathen und gründen einen Getränkehandel. In Lathen wird 1941 der Ortsteil Wahn neu geschaffen, in dem viele ehemaliger Wahner ein neues Zuhause fanden. Andere ziehen nach Rastdorf oder verlassen das Emsland.
Ihren Geburtsort vergisst Adele Oldiges nie. Sie nimmt immer mal wieder an dem jährlichen Treffen teil, bei dem die Wahner seit 2006 an ihrer alten Heimat zusammenkommen und besucht den noch erhaltenen Friedhof, auf dem ihre Großeltern und ihre Mutter ruhen. Und obwohl nur die Grabstätten und die Grundmauern der Kirche von Wahn erhalten sind, weiß Adele Oldiges auch ein Jahrhundert nach ihrer Geburt genau, wo die Hofstelle ihrer Familie war und sie glückliche Winterabende verbrachte: „Das Vieh war versorgt, es war Ruhe im Stall. Es war gemütlich. Es gab einen Zusammenhalt mit den Mägden und Knechten. Das war einfach gut.“

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