FrauenWEGE – Erna de Vries

  • Historische Stätte
Wie sie es versprochen hatte: Erna de Vries berichtete von den Verbrechen der Nationalsozialisten.
Im September 1943 sitzt Erna Korn, die spätere Erna de Vries, im Todesblock von Auschwitz. Durch die vielen Ungeziefer im Lager und die grausamen Arbeitsbedingungen hat sie eitrige Entzündungen in den Beinen – in dem Vernichtungslager ein Todesurteil. Doch es kommt anders: Als „Halbjüdin“ wird Erna in das KZ Ravensbrück deportiert. Vor dem Abtransport gelingt es der 19-Jährigen noch, ihre Mutter zu finden, mit der sie zusammen nach Auschwitz deportiert worden war. Jeanette Korns Worte werden Erna de Vries für den Rest ihres Lebens begleiten: „Du wirst überleben. Du wirst erzählen, was man mit uns gemacht hat.“ Es sind ihre Abschiedsworte,  Erna sieht ihre Mutter nie wieder. Jeanette Korn wird im November 1943 in Auschwitz ermordet.
Erna de Vries kommt 1923 als einziges Kind eines christlichen Vaters und einer jüdischen Mutter in Kaiserslautern zur Welt. Sie verlebt eine glückliche, unbeschwerte Kindheit – bis zum Jahr 1931, als ihr Vater stirbt. Jeanette Korn übernimmt den Speditionsbetrieb ihres Mannes. Als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kommen, wird die Familie zunehmend ausgegrenzt und diskriminiert. 1935 muss die Mutter den Speditionsbetrieb ganz aufgeben. Während der Novemberpogrome 1938 zerstören Unbekannte die Wohnung der Korns. Erna zieht nach Köln, wo sie eine Ausbildung zur Krankenschwester beginnt. Eigentlich hatte sie Ärztin werden wollen, doch dies wurde ihr von den Nationalsozialisten verboten.
Als Gestapobeamte 1943 Jeanette Korn abholen, überredet Erna sie, ihre Mutter begleiten zu dürfen – obwohl gegen sie noch kein Deportationsbefehl vorliegt. Als die junge Frau hört, dass sie und ihre Mutter nach Auschwitz deportiert werden, ist sie geschockt. Sie hatte – obwohl es Juden verboten war, ein Radio zu besitzen – heimlich das deutschsprachige Programm der BBC gehört und wusste, was sie in Auschwitz erwartet.
Neuanfang im Emsland
In Ravensbrück muss Erna Zwangsarbeit für Siemens & Halske leisten. Hoffnung geben ihr die Nachrichten neuer Gefangenen, dass der Krieg nicht gut läuft für Deutschland. Am 21. April 1945 muss Erna Korn das Lager verlassen und wird auf einen Todesmarsch in Richtung Ostsee geschickt. Tagelang werden die Gefangenen getrieben – und dann ändert sich plötzlich alles: „Und auf einmal sehen wir, dass vor uns die Frauen lachen, weinen, sich umarmen. Da kommt ein amerikanischer Jeep auf uns zu und die Soldaten winken, da haben wir begriffen, wir sind plötzlich frei. Wir stehen auf der Straße und sind plötzlich frei“, erinnert sie sich später.
Nach dem Krieg lernt Erna Korn bei Verwandten in Köln Josef de Vries kennen, ebenfalls ein Überlebender der Shoah. Sie heiraten, ziehen in seinen Heimatort Lathen und bekommen drei Kinder. Ab 1998 bis ein Jahr vor ihrem Tod berichtet Erna de Vries regelmäßig in Schulen und anderen Orten von ihren Erfahrungen – wie es sich ihre Mutter bei ihrer letzten Begegnung gewünscht hatte. Dementsprechend trägt der Titel von Erna de Vries‘ 2011 erschienen Memoiren den Titel „Der Auftrag meiner Mutter“.
 
Vollständiger Name: Erna de Vries, geb. Korn
Geboren: 21. Oktober 1923 in Kaiserslautern
Verstorben: 24. Oktober 2021 in Lathen
Eltern: Jacob Korn (Spediteur, † 1931) und Jeanette Korn, geb. Löwenstein († 8. November 1943 in Auschwitz)
Position: Holocaust-Überlebende, Zeitzeugin
Auszeichnungen: u.a. Bundesverdienstkreuz, Emsland-Medaille
Bezugspunkte im Emsland: Erna-de-Vries-Platz, Lathen; Erna-de-Vries Schule (Mühlenstr. 18-22, 49762 Lathen)

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